Beim ESAF wie beim OEM
Was Golf und der Schweizer Nationalsport Schwingen gemeinsam haben? Mehr als man denkt. Es gibt sympathische Parallelen, habe ich beim Radiohören auf der Fahrt nach Crans-sur-Sierre festgestellt.
Alle drei Jahre passiert es: die Saisonhighlights der Schwinger und der Schweizer Golfer finden am gleichen Wochenende statt. Wer vor Ort dabei sein will, muss sich zwischen dem Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest (ESAF) und dem Omega European Masters (OEM) entscheiden. Bis vor 21 Jahren war das kein grosses Thema – die Schnittmenge der Fangruppen war verschwindend klein. Und ist es vermutlich bis heute, aber dank SRF können wir alle am Sonntag zu Hause im eigenen Wohnzimmer bei beiden Top-Veranstaltungen live dabei sein.
Golf ist in der Schweiz bis heute kein Volkssport. Trotz Golfboom, der Ende der 1980er-Jahre gestartet ist und für eine Verdoppelung der Clubs und Plätze in der Schweiz gesorgt hat. Public Golf Organisationen machen seit der Jahrtausendwende den Sport für jedermann erschwinglich und so zählt der Dachverband Swiss Golf mittlerweile gut 100'000 lizenzierte Sportlerinnen und Sportler.
Diese Zahl ist beim Schwingerverband deutlich kleiner. Dabei erfreut sich Schwingen derzeit einer Popularität, wie man dies bis vor wenigen Jahren hierzulande nur vom Fussball und Skisport kannte. Rolf Gasser, langjähriger und kürzlich zurückgetretener Geschäftsführer des Eidgenössischen Schwingerverbands, spricht von einem regelrechten «Hype». Initiiert wurde dieser beim ESAF 2004, als das Schweizer Fernsehen erstmals ein «Eidgenössisches» live am Fernsehen zeigte. Richtig Fahrt aufgenommen habe der Hype dann 2010, als sich beim ESAF in Frauenfeld der junge Kilian Wenger den Königstitel schnappte. Fortan war Schwingen «hip» und in aller Munde. Die Zahl der Schwingkeller verdoppelte sich indessen nicht, dafür platzt das ESAF aus allen Nähten – in Mollis werden dieses Wochenende 350'000 Zuschauerinnen und Zuschauer erwartet. Zahlen, von denen die OEM-Verantwortlichen nur träumen können.
Was Golf und Schwingen gemeinsam ist: Beide Sportarten haben grosse Tradition und legen Wert auf ebendiese. Und dann ist da jeweils ein recht umfangreiches und für «Nichteingeweihte» schwierig zu durchschauendes Regelwerk. Fairness und Ehre geniessen hohen Stellenwert. Es sind «friedliche» Sportarten. Golfer notieren ihren Score selbst, Schiedsrichter klären einzig Regelfragen. Beim Schwingen wischt der Sieger dem Verlierer das Sägemehl von den Schultern, man reicht sich die Hand «und wir sind wieder Kollegen, keine Gegner», erklärt der Schwingerkönig von 2022, Joël Wicki im Vorfeld der Titelverteidigung. Er wünsche sich, dass dieser Geist des Schwingsports sich auch auf den Zuschauerrängen wieder breiter mache, sagte er diese Woche in einem Interview. Damit Schwingfeste weiterhin ohne Sicherheitskontrollen auskommen und ihren einzigartigen Charakter behalten.
Bemerkenswert ist die Aussage des amtierenden Schwingerkönigs angesichts der Tatsache, dass Wicki erst 28 Jahre alt ist, sich aber dennoch an Zeiten erinnern kann, als der friedliche Schwingergeist auch auf den Zuschauerrängen allgegenwärtig gewesen ist.
Gibt es Parallelen zum Golfpublikum? Vielleicht sollte man Miguel Angel Jiménez fragen, der dieser Tage zum 35. Mal beim Swiss Open bzw. dem OEM aufteet. (Ich versuche es morgen, wenn er die zweite Runde beendet hat.) Mein subjektives Empfinden ist, dass der Boom outside the ropes zu einer Verwässerung des Spirit of the Game geführt hat – die Stichworte dazu sind Handyklingeln sowie Reden und Gehen zur falschen Zeit.
Rolf Gasser hatte vollkommen Recht als er sagte, ein Hype berge auch Gefahren. Es können Traditionen und Werte verloren gehen. Aber: Schwinger und Golfer haben es selbst in der Hand, welche Traditionen sie gehen lassen wollen.
Die gute Nachricht aus Crans-sur-Sierre am Nachmittag des zweiten Turniertags 2025: Ich sitze nun schon seit zwei Stunden im grünen Amphitheater an Green 13 und erfreue mich sowohl am Anblick zahlreicher Birdies, als auch an einem disziplinierten Publikum. Kein Handyklingeln bisher, dafür fairen Applaus für jeden guten Schlag.
In diesem Sinne: «Schönes Spiel» in Crans-sur-Sierre und «Ansetzen zum Gang» in Mollis.
29. August 2025
Par 3 – manchmal schlicht magisch
Was ist beim Golf wichtiger, Länge oder Präzision? Beides! Das wurde mir am Omega European Masters in Crans-sur-Sierre wieder einmal bewusst, als ich auf der Tribüne von Loch 9 die Ankunft der Stars am Grün dieses bergauf führenden Par 5 erwartete. Trifft einer der Protagonisten mit dem zweiten Schlag das Grün, geht ein beeindrucktes Raunen durch die Menge, gefolgt von begeistertem Applaus. Kollektives Daumendrücken für den Eagle-Putt, meist gefolgt von leichter Enttäuschung, wenn’s «nur» das Birdie war… oder noch schlimmer, nur ein Par.
Irgendwann wechselte ich hinüber zu Loch 11, einem Par 3, dessen Grün von einem strategisch gut platzierten, «fiesen» Bunker verteidigt wird. Für die Spieler der DP World Tour definitiv eine Bahn, auf der Präzision wichtiger ist als Länge. Spektakuläres boten die Cracks ihren Fans trotzdem jede Menge. Denn neben dem Bunker vor dem Green warten hier rechts des «Dancefloors» auch einige Nadelbäume auf verirrte Bälle. Auf uns Zuschauer wartete übrigens rechts der Spielbahn eine Lounge, in der man zumindest am Freitag und Samstag herrlich in der Sonne sitzen, das Spielgeschehen beobachten und zwischendurch den Blick auf das überwältigende Bergpanorama der Walliser Alpen schweifen lassen konnte. Und wo der deutsche Autobauer Porsche perfekten «E-Fuel» für Menschen in Form des besten «caffè» im Dorf servierte. Während der italienische Barista Espressi und Cappuccino zubereitete, durften die Gäste meisterliche Sand-Saves und dramatische Chips aus dem Unterholz mitverfolgen.
Hellwach zog ich weiter zu Green 13 und damit zur spektakulärsten Naturtribüne im europäischen Golfsport. Das 2013 fertiggestellte «Amphietheater» bietet Platz für 3000 Golffans – und für kleine, wieselflinke Eidechsen. Das «Gugelhupfgrün» ist von zwei Seiten von Wasser, hinten von Bunkern und rechts von hohem Rough umgeben – eine Bühne für Helden, aber auch für Tragödien, besonders bei Föhnsturm. Doch an diesem strahlend sonnigen Spätsommersamstag standen die Zeichen auf Magie. Als Cedric Gugler aus knapp 180 Metern das Grün trifft, halten 3000 Fans vor Ort den Atem an und beten, dass der Ball liegen bleibt. Er tut es. Als der zu diesem Zeitpunkt «geteilte Achte» Minuten später das Grün betritt, tobt das Publikum und feiert den Schweizer, als wüsste es bereits, dass der grossgewachsene Basler sich in den nächsten 24 Stunden in der Rangliste noch weiter nach vorn schieben würde.
Magische Momente sind nicht planbar. Sie kommen überraschend, oft aus dem Nichts. Die Chance, einen solchen Moment zu erleben, ist auf der Naturtribüne von Green 13 in Crans etwas grösser als anderswo. Ganz klar, ich komme wieder. Und damit ich dann die Bälle nicht nur auf dem Grün, sondern bereits auf dem Weg von der Teebox zum Green im Auge behalten kann, habe ich mir in der Agenda 2025 bereits notiert: 28. bis 31. August OEM, Fernglas einpacken!
9. September 2024
Unified-Turnier mit ARGO-Golfgruppe und Golf dei Castelli
Die Golfgruppe der ARGO Ilanz trainiert im Buna Vista Golf Sagogn, wo am 18. Juni auch erstmals ein Unified-Turnier stattgefunden hat. Mit dem Unified-Programm fördert Special Olympics die Integration von Menschen mit Beeinträchtigung in Sportvereinen.
Der englische Begriff «unified» bedeutet «gemeinsam»; unter diesem Titel fördert Special Olympics die Integration von Menschen mit Beeinträchtigung in Sportvereinen. Gemeinsam trainieren, gemeinsam Spass haben, das steht bei Unified-Veranstaltungen im Mittelpunkt. Das war auch beim ersten Unified-Turnier im Buna Vista Golf Sagogn der Fall. Auf Initiative von Junioren Captain Urs Welti lud der Club am 18. Juni Golferinnen und Golfer mit und ohne Beeinträchtigung zu einem 9-Loch-Scramble ein. Insgesamt waren 25 Personen aus der Surselva und dem Tessin am Start, darunter sechs Spielerinnen und Spieler der ARGO-Golfgruppe Ilanz sowie sechs Mitglieder des Golf dei Castelli in Bellinzona. Für die meisten von ihnen war diese Art von Golfturnier eine Premiere. Clubcaptain Eddy ter Braak freute sich: «Am Ende sind wir alle Gewinner. Es war ein wunderschöner Tag und bei diesem Spezial-Scramble hatten jede und jeder Spass am Spiel.» Völlig unabhängig vom Handicap.
ARGO-Golfer in Club integriert
Die ARGO Stiftung für Integration von Menschen mit Behinderung in Graubünden ist bestens ins gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben des Bergkantons integriert. Enge und langjährige Verbindungen bestehen auch zum Bündner Golfsport. In der Holzwerkstätte der ARGO in Ilanz wurden schon vor über zwei Jahrzehnten unlackierte, handgefertigte Tees aus einheimischem Holz hergestellt. Diese sind bei Golferinnen und Golfern sehr beliebt, weil sie etwas stabiler sind als Tees aus industrieller Produktion.
Vor vier Jahren lancierte der Junioren Captain des Buna Vista Golf Sagogn ein Programm für Menschen mit Beeinträchtigung. Das Angebot stiess bei den Bewohnerinnen und Bewohnern des ARGO Wohnheims in Ilanz auf offene Ohren. Vor drei Jahren wurde dort eine Golfgruppe gegründet, die seither wöchentlich zum Training ins benachbarte Sagogn fährt. Sechs bis zehn Personen nehmen an diesen Donnerstagstrainings mit Junioren Captain Welti und Swiss PGA Pro Paul Rowe teil. Ein gelungenes Beispiel für die erfolgreiche Integration von Sportlern mit Beeinträchtigung in einen «normalen» Golfclub ist Florian Camartin, der nach nur drei Jahren Golfspielen bereits ein Handicap von 30 aufweist. Im Buna Vista Golf ist der begeisterte Golfer ein beliebter Flightpartner, beim Unified-Turnier ging er gemeinsam mit Buna-Vista-Präsident Christian Capaul an den Start.
Golf dei Castelli – Vorreiter aus dem Tessin
Die Tessiner Gäste von Golf dei Castelli gehören zu den Pionieren, wenn es um integrative Sportangebote geht. Der 2012 in Bellinzona gegründete Verein ist Gründungsmitglied der Fédération Golf Ticino und der einzige Sportverein in der Schweiz, der Jugendlichen und Erwachsenen mit geistiger Behinderung die Möglichkeit bietet, auf seinem Par-54-Platz in Bellinzona sowie den anderen Tessiner Golfanlagen zu spielen. Der Club ist vom Kanton als gemeinnützige Organisation anerkannt und von Special Olympics mit dem Unified-Label zertifiziert.
«Golf ist eine der wenigen inklusiven Sportarten, bei der erfahrene Spieler und Anfänger mit unterschiedlichen Fähigkeiten Seite an Seite im selben Team und nach denselben Regeln spielen. Dieser Sport ist ein hervorragendes Mittel zur Integration und wirkt sich positiv auf die psychische und physische Gesundheit aus», sagt Golf dei Castelli-Präsident Nicola Valerio. Er fungiert auch als Coach des Tessiner Teams und er konnte bei den Golferinnen und Golfern des Golf dei Castelli eine deutliche Steigerung des Selbstwertgefühls und eine Verbesserung der Sozialisierung feststellen: «Unsere Athleten haben Ziele erreicht, die noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wären.»
22. Juni 2023